Stippruten - mal näher betrachtet

Nach einem gelungenen Angeltag setze ich mich gerne noch mal auf einen Kaffee mit meinen Kollegen zusammen. Natürlich dreht es sich bei diesen „Gott-und-die-Welt-Runden“ immer mal wider ums Angeln, was auch irgendwie verständlich ist. Bei einem unserer letzen Kaffeekränzchen hatten wir es dann von den Kopfstöcken, angefangen von den unterschiedlichen persönlichen Geschmäckern bis hin zu den nicht unerheblichen Preisunterschieden.

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Welche Stippe in dem Rutenwald der Hersteller ist aber nun die richtige? Nun, diese Frage muß in jedem Fall neu beantwortet werden, denn DIE Stippe gibt es nicht. Vielmehr sollte beim Kauf einer neuen Rute der persönliche Geschmack des Stippers den Ausschlag geben, den eine gute Stippe kann auf ihren Besitzer gleich einem Maßanzug zugeschnitten werden, als Verlängerung der Arme. Die Kaufentscheidung ist somit eine sehr persönliche Angelegenheit. Es sind zumindest vier Kriterien, die aber jeder Stipper an sein Handwerkzeug stellt:

· geringes Gewicht
· gute Balance
· Standfestigkeit
· Stärke

Anhand der Preisklassen kann man die Stippruten der verschiedenen Hersteller in einzelne Kategorien unterteilen. In diesem Bericht will ich mich im folgenden auf drei Kategorien beschränken. Beginnen möchte ich mit den teuersten Ruten, dem sog. Topsegment, das sind die Modelle, mit denen sich die Elite der Stipperszene am Wasser rumtreibt. Danach kommen die Ruten für die anspruchsvollen, nenne wir ihn mal „Freizeitstipper“, also für den Stipper, für den nicht der Wettkampf als solcher sondern eher die Erholung in der Natur an erster Stelle steht. Last but not least kommen wir dann zu der Sorte Ruten, die ich persönlich immer gerne als „Besenstiele“ bezeichne, Ruten für das harte Fischen wie z.B. in Dänemark oder Irland.

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In der ersten Bundesliga der Stippruten haben wir es nun mit Stippen von 14m, manchmal sogar bis über 16 m, und Gewichten zwischen 800 und 1000 g sowie Preisen von z.T. mehr als 3.000,-- EUR zu tun. Um eine Rute dieser Länge zu konstruieren, die auch noch vernünftig zu händeln ist, sollten die Entwicklungsingenieure schon ihre Hausaufgaben gemacht haben. Sie sollte leicht und straff, aber vor allem perfekt ausbalanciert sein. Dies bedeutet für die Praxis, daß sich der Schwerpunkt der Stippe in den letzen Teilen befinden sollte. Denn auch die leichteste Rute wird auf die Dauer bleischwer, wenn sie nicht gut ausbalanciert ist. Man darf nun allerdings nicht glauben, daß eine so teure Rute das ganze vielseitige Spektrum der Stippangelei mit all ihren unterschiedlichen Einsatzgebieten abdeckt, diese Stippen stoßen durchaus an ihre Grenzen. Um den Ruten die nötige Steifheit zu verleihen, ist der Carbonanteil sehr hoch. Darüber hinaus werden die einzelnen Rutenteile noch gezogen und stärker abgebacken. Die Rute in sich ist dadurch weniger flexibel und darum besteht bei ruppigem Wetter und böigem Wind oder beim drillen eines kampfstarken größeren Fisches ein stark erhöhtes Rutenbruchrisiko. Beim Angeln mit diesen Ruten kommt darum auch immer eine Elastikmontage zum Einsatz, und das nicht nur um den Einsatz dünnster Schnüre möglich zu machen (bis maximal 0,12 mm), sondern vielmehr um beim Drill großer Fische einen Rutenbruch zu vermeiden. Nichts desto trotz ist es ein wahrer Genuß mit so einer Rute unter den richtigen Bedingungen zu fischen. Selbst nach ein paar Stunden auf der Sitzkiepe kann keine Sprache von Ermüdung sein und das haken und drillen macht meiner Meinung nach mit so einem Sahnestück einfach nur Spaß....

Seit geraumer Zeit sind für die Ruten aus dem Topsegment sogenannte Short Handles bzw. Butts lieferbar. Ein Short Handle ist ein kurzes Verlängerungsteil von +/- 60 cm. Grundsätzlich ist diese Verlängerung dazu bestimmt, den Verlust an Rutenlänge zu kompensieren, der beim Einkürzen der Rutenspitze für die Montage eines Elastiks entsteht. Durch den zunehmenden Durchmesser der Elastiks muß um ein einwandfreies Arbeiten der Montage zu gewährleisten die Rute immer weiter eingekürzt werden. Das Short Handle ist meistens so konstruiert, daß es beidseitig verwendet werden kann. Hierdurch paßt es sowohl in das 11, 12,5 und das 14 m Endteil. Ein weiterer Pluspunkt ist, das diese Teile in der Regel über eine stärkere Wandung verfügen als die herkömmlichen Endteile der Rute.  Und weil nun mal nicht jeder während des Fischens seiner Rute die notwendige Sorgfalt zukommen lassen kann, verhindert diese Plus an Material Schäden am Endteil der Stipprute.

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Wenn wir nun das Topsegment der Hersteller verlassen kommen wir in die Liga, aus der der Großteil der Stipper seiner Ruten rekrutiert. In diesem Segment spielt der Faktor des Preis-/Leistungsverhältnisses eine sehr große Rolle. Wir haben es hier dann auch in erster Instanz mit Ruten von in der Regel bis zu 11 m Länge und einem Gewicht von bis zu 900 g zu tun. Die Preise für diese Stippen bewegen sich  zwischen 250 bis 800 Euro. Ruten von 12,5 bis 13 m sind mittlerweile in dieser Klasse aber auch keine Ausnahmen mehr und durch die technischen Entwicklungen bleibt das Gewicht dieser Stippen auch in einem recht vertretbaren Rahmen. Dennoch sollte man bei Ruten aus diesem Segment nicht die Balance aus den Augen lassen. Der Carbonanteil ist geringer und auch die Herstellungsverfahren wesentlich unkomplizierter. Die Ruten sind im Ganzen weniger steif und somit auch unempfindlicher gegenüber dem oben erwähnten ruppigem Wetter. Soll mit dünnen Schnüren/Vorfächern gefischt werden ist der Gebrauch von Elastik in diesen Ruten nur zu empfehlen. Bei schwereren Rigs, Vorfächer bis 0,14 mm, kann aber auf eine Elastikmontage verzichtet werden. Ich habe selbst jahrelang mit einer eingesplisten Carbonspitze gut gefangen und kenne auch heute noch viele gute Angler, die nicht auf diese Montage verzichten würden.

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Die letzte Kategorie befaßt sich nun mit Stippruten, die speziell entwickelt wurden um auf große und kampfstarke Fische gezielt zu fischen. Das (Wett-)Fischen in kleinen Teichen, in den Karpfen bis zu 8 pf. eingesetzt werden, ist vor allem in Belgien und in England in den letzten Jahren sehr populär geworden. Genau für diesen Einsatz wurden die Ruten aus dieser Kategorie entwickelt. Diese Kopfruten finden aber auch beim der schnellen Rotaugenfischerei in Dänemark und Irland ihren Liebhaber und jeder Stipper ist am Shannon gut beraten eine Rute dieser Klasse in sein Futteral einzupacken. Die Länge variiert meistens zwischen 9,5 und 11 m. Für diese Ruten sind in der Regel auch spezielle zweiteilige Power-Kits lieferbar, die mit einem Muletto-System, wie es z.B. von Maver geliefert wird, ausgestattet werden. Gefischt werden diese Ruten in der Regel mit einer Elastikmontage oder mit Powergum. Die Preise für so einen „Besenstiel“ bewegen sich meistens um die 250 Euro.

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Wer nun eine gute Stippe gefunden hat und sein Eigen nennen kann, der sollte ihr auch die gebührende Pflege zu Teil kommen lassen. Es ist ratsam, seine Rute ab und an aber vor allem nach einer Regensession aus dem Futteral zu holen und alle Teile auseinander zu nehmen und sorgfältig von Schmutz und Futterresten zu befreien. Sogenannte „Clean Caps“ die in die vorderen Einsteckteile der Rute befestigt werden, reinigen bei jedem Steckvorgang die Rute und leisten gute Dienste. Ein spezielles Reinigungskit sollte im übrigen beim Kauf der Stippe gleich mit erworben werden oder als „Rabatt“ beim Händler ausgehandelt werden. Mit den unterschiedlichen dicken Borsten lassen sich die einzelnen Rutenteile von innen bestens von Schmutz befreien. Weiterhin ist es empfehlenswert, die Rute zumindest einmal im Jahr zusätzlich noch einzuwachsen.

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Abschließend bleibt festzuhalten, daß das letzte Wort in Sachen Fortschritt bei den Stippruten wohl auf absehbare Zeit nicht gesprochen wird und die Entwicklung in vollem Gang ist. Verbesserte Produktionsmethoden und neue Carbonsorten ermöglichen es den Herstellern, uns Stippern auf den jährlichen Messen immer wider modifizierte oder neue Ruten zu präsentieren. Ruten von mehr als 16 m sind schon keine Ausnahme mehr, aber meiner bescheidenen Meinung nach dürfen sie auch nicht wesentlich länger werden, damit unser schöner Sport auf die Dauer nicht unbezahlbar wird. Aber es wird auch wohl nicht notwendig sein, das Augenmerk in der Rutentechnologie auf die Länge zu legen, da bei großen internationalen Wettbewerben in 2004 die Rutenlänge auf 13 m beschränkt wurde. Vielmehr sollten sich die Hersteller auf eine Verbesserung der Balance konzentrieren. Kurzum, es wird wohl unvermeidlich sein, diesen Bericht in ein paar Jahren mal zu überarbeiten...

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