Stickfischen

Mit einer Matchrute und einem „Stick“ im Fluß auf flinke Schuppenträger wie Rotauge, Hasel oder Döbel zu fischen, ist wohl mit eine der ältesten Methoden, die  leichten Ruten englischer Bauart erfolgreich einzusetzen. Und erfolgreich ist sie, diese Angeltechnik, auch wenn der materialverwöhnte Stipper das auf den ersten Blick auf das lediglich benötigte Gerät wohl nicht so recht glauben wird. Denn viel ist es nicht, was wir wirklich unbedingt benötigen: Zuallererst  wäre da die Rute. Ich benutze für diese Angelei am liebsten Matchruten mit einer Länge von 13‘ bzw. 14‘, also 390 bzw. 420 cm, und einer eingesplisten Vollkohlefaserspitze. Längere Ruten sind nicht nötig sondern obendrein auch schon ein wenig unhandlich beim „trotting“, wie dieser Angeltechnik in England auch genannt wird. Als Rollentyp kommt bei den meisten Anglern die gute alte Stationärrolle zum Einsatz. Aber auch die Großmutter aller Angelrollen, die Nottinghamrolle, auch Center-Pin genannt, wird bei dieser Angeltechnik von einigen Spezialisten, die um die Vorzüge dieses Rollentyps wissen, gerne verwendet. Denn weicher, genauer und vor allem direkter als mit der Center-Pin läßt sich unser Köder mit keiner Stationärrolle kontrollieren, aber dazu später mehr. Als Schnurmaterial kommt in 90 % aller Fälle eine 14er bis 18er Monofilschnur zum Einsatz, die in der Regel 2 bis 4 kg trägt. Nur wenn die Fische wirklich scheu sind und erst weit stromab von unserem Angelplatz die Köder nehmen wollen, wählen wir eine geflochtene Schnur mit ungefähr der selben Tragkraft für unsere Rolle. In diesem Fall ist es aber immer ratsam, für die ersten 10 m der Montage einen Vorschlag aus Monofilschnur zu nehmen, damit man beim Landen der Beute wenigstens etwas „Gummi“ hat zum abfedern der letzten Fluchten. Bei den Posen haben die Engländer im Laufe der Jahre für alle nur erdenklichen Möglichkeiten passende Modelle entwickelt. Von der Firma Drennan z.B. wird eine sehr umfangreiche Auswahl an Stick-Posen dem interessierten Angler angeboten. Wer es aber nicht unbedingt ganz genau nimmt, kommt im Prinzip mit 3 bis 4 Modellen unter den meisten Umständen zurecht. Ausgebleit werden die Sticks mit weichem Schrottblei, für das die Engländer ein eigenes Kalibrierungssystem  entwickelt haben:


 SSG  = 1,68 g   N°5   = 0,13 g
 AAA  = 0,81 g   N°6   = 0,10 g
 BB     = 0,40 g   N°7   = 0,08 g
 N°1    = 0,28 g   N°8   = 0,06 g
 N°3    = 0,20 g   N°9   = 0,05 g
 N°4    = 0,17 g   N°10 = 0,04 g

Dieses System mag auf den ersten Blick ein wenig unübersichtlich wirken, ist es aber nicht! Dadurch, das auf jeder englischen Pose die Tragkraft unter Verwendung dieses Systems angegeben ist, wissen wir nicht nur sofort, wieviel unsere Pose nun trägt, diese Tragkraftangabe verrät uns auch gleich ein wenig über die möglichen Bebleiungsmuster, die diese Angeltechnik erst so erfolgreich machen. Den Abschluß unserer Montage bildet ein Vorfach, das in der Regel nicht länger als 30 cm ist. Selbstredend, daß wir bei der Vorfachwahl ein Material aussuchen, das in seiner Tragkraft gut 1/3 unter dem Wert der Hauptschnur liegt. An dieses Vorfach brauchen wir nun lediglich noch einen passenden Haken knüpfen. Mein ungeschlagener Favorit für diese Fischerei ist der gute alte B520 Whisker Barb von Kamasan. Dieses Hakenmuster gibt mir zu jeder Zeit die Gewißheit, auch bei einem kapitalen Fisch noch über das gewisse Etwas an Reserven zu verfügen um ihn sicher landen zu können.

Im Grunde genommen könnten wir mit dem Fischen jetzt beginnen, aber es gibt da noch ein paar Kniffe und Tricks zum Thema Ausrüstung, die ich nicht verheimlichen will. Zu aller erst wäre da das „wie“ gefischt wird. Nun, ich fische am liebsten so, wie es die Engländer auch tun: Stehend im Wasser. Da die Wassertemperaturen während der meisten Zeit des Jahres nicht denen meiner Badewanne entsprechen, benutze ich bei dieser Angelei vorzugsweise eine Neoprenwathose. Mit ihr und einer Baumwolljogginghose kann man schon so manche Stunde fischen, ohne nach dem Angeltag mit Erfrierungserscheinungen gleich die Notaufnahme des nächsten Krankenhauses aufsuchen  zu müssen.

Als nächstes brauchen wir eine Abstellmöglichkeit für unsere Köder und unser Futter. Hierfür eignet sich im Prinzip jedes Plateau, für das wir uns aber einen Satz lange Beine besorgen sollten. Nach meiner Erfahrung kommt man mit Beinen von 1 m Länge an den meisten Flüssen sehr gut zurecht. Wer es so wie ich gerne komfortabel mag, besorgt sich eine Systembox mit Deckel und versieht diese mit den langen Plateaubeinen. Bei einsetzendem Regen können wir so unser Futter und die Köder durch Schließen des Deckels schnell vor dem Naß von oben in Sicherheit bringen. Ein Beistellplateau hat im übrigen noch einen weiteren großen Vorteil: An ihm können wir mit einem langen Feederarm, wie er bei der Feederfischerei zum Einsatz kommt, unsere Rutenablage montieren. Für die Rutenablage gilt übrigens „je breiter desto besser“, damit wir sie auch blind treffen können. Denn während des an- und abköderns und auch beim abhacken eines Fisches sollte unsere Rute immer auf der Ablage ruhen, so haben wir immer beide Hände frei. 

Nachdem wir nun unsere Ausrüstung zusammen haben kann es ans Wasser gehen. Wenn ich mir meinen Angelplatz selbst aussuchen kann, bevorzuge ich einen geraden Flußabschnitt mit gleichmäßiger Strömung und Wassertiefe, die im Idealfall so bei 2 m liegen sollte. Auch auf die Fließrichtung versuche ich bei meiner Platzwahl zu achten, ich als Rechtshänder habe es am liebsten, wenn es von links nach rechts durchläuft. Aber das muß jeder für sich ausprobieren. Die Fließgeschwindigkeit ist auch nicht ganz unbedeutend für unsere Fischerei, denn ab einer gewissen Strömungsstärke stößt diese Angeltechnik doch an ihre Grenzen. Aber diese Grenzen genau zu definieren ist recht schwierig und meiner Erfahrung nach zum großen Teil Gefühlssache. Ich habe schon Engländer an der Ems gesehen, die bei ansteigendem Hochwasser vor der Rasen-/Uferkante entlang mit dem Stick fischten, wo andere Angler krampfhaft versuchen, mit 25 g Blei an der Kopfrute zu tunken ... wie gesagt, Übung macht den Meister!

Nun denn, wir haben uns einen Angelplatz ausgesucht, wie er im Bilderbuch steht: Hinter der Kante, die von einer Packlage aus Steinen gebildet wird, haben wir einen Tiefe von 1,9 bis 2,2 m in gut einer Rutenlänge von unserem Standplatz. Der Grund im gesamten Angelbereich ist sandig und sauber. Last but not least liegt der Angelplatz gut 60 m oberhalb einer scharfen Linkskurve des Flusses, also auf der Seite der tief ausgespülten Außenkurve, wer weiß, welche Überraschungen da auf mich in dem tiefen Wasser noch warten ... und weiter geht’s, das Gerät ist schnell aufgebaut und auch das Futter habe ich schon mal vorbefeuchtet. Den Stick, den ich heute für dieses doch recht ruhig und gleichmäßig dahin fließende Wasser gewählt habe ist ein Big Stick von Drennan mit 6 BB+. Austariert habe ich den Big Stick mit 6 BB-Schroten, die ich nach einem 4-Punkte-Schema auf der Schnur verteilt habe. Zur Bißanzeige und Feinabstimmung verwende ich noch einige N° 6 Schrote. Über die genaue Anordnung der Bebleiung gibt die Skizze unten Aufschluß. Diese Montage wird nun mit zwei Maden beködert und durch einen leichten Unterarmschwung ins Wasser befördert. Kurz bevor das Rig das Wasser berührt bremse ich den Flug noch mit dem Zeigefinger ab. Dieses Manöver bewirkt, daß die Montage gesteckt aufkommt und ich das Absinken in jeder Phase kontrollieren kann. Ich lasse nun das Rig einige Male durch meine Drift treiben und bekomme so ein Gefühl für die Strömungsverhältnisse an diesem Tag. Erst wenn ich mir hierüber Klarheit verschafft habe, kommt das feste Futter zu Einsatz: Vier gut tennisballgroße Futterballen landen 1 m unterhalb meines Angelplatzes genau auf Höhe der Rutenspitze im Wasser Je eine Handvoll Maden, Caster und Weizen folgen noch dem Futter, allerdings genau auf Höhe meines Angelplatzes. Dies mache ich so, weil die Strömung die kleinen Partikelköder noch ein wenig mitträgt und ich dieser Abdrift Rechnung tragen muß wenn ich will, daß die Partikel im Bereich der Grundfutterspur den Boden des Flusses erreichen.

Jetzt nach dem füttern beginne ich erst mit dem eigentlichen Fischen, laß es aber bei einer Tasse Tee ganz ruhig angehen: Die Montage ins Wasser, ein paar lose Köder hinterher, den Rollenbügel geöffnet und das ganze mit dem Zeigefinger der rechten Rutenhand kontrollierend durchtreiben lassen – die Tasse mit dem Tee in de linken Hand... Die Tasse Tee ist schon längst geleert, als nach einer guten halben Stunde der Stick unmittelbar nach einer Verzögerungsphase auf Tauchstation geht. Der Anschlag hakt den ersten Fisch des Tages, ein feistes Rotauge von etwas mehr als 100 g – der Anfang ist gemacht!

Allerdings dauert es noch gut eine weitere Stunde, bis ich die Fische so richtig auf dem Futter stehen habe. Dafür geht es nun aber auch Schlag auf Schlag: Jedem Einwurf der Angel folgt abwechselnd eine Handvoll Maden, Caster oder Weizen. Nachdem der Köder den Grund erreicht hat, lasse ich das Rig noch einen knappen halben Meter abtreiben um dann die ablaufende Schnur an dem Spulenrand der Rolle mit dem Zeigefinger meiner Rutenhand abzustoppen. Durch das gefühlvolle Abbremsen der Drift wird mein Hakenköder ganz langsam von der Strömung in der Futterspur hochgespült und erregt so die Aufmerksamkeit der Schuppenträger. Die Zeitdauer eins solchen „Stopps“ ist immer variabel und von Tag zu Tag und Wasser zu Wasser recht unterschiedlich, also: Probieren geht über studieren! Heute stoppe ich die Drift nur sehr kurz ab um den Köder nur so ganz eben anszulupfen, die Bisse erfolgen praktisch auf Ansage in dem Moment, wo ich den Köder wieder sacken lasse – einfach herrlich, diese Angelei!

Apropos herrlich, an dieser Stell möchte ich gerne auf die „herrlich alten“ Nottinghamrollen zurückkommen: Sie sind wie gesagt prädestiniert für diese Angeltechnik, ganz einfach aus dem Grund, weil ich ihren Freilauf exakt auf die Strömungsstärke und den Stick einstellen kann. Will heißen der Stick treibt, so ich seine Drift nicht abbremse, ganz gleichmäßig ab, der Druck, den das Rig auf den Freilauf der Center-Pin ausübt reicht aus, um die Schnur frei zu geben. Bei einer gewöhnlichen Stationärrolle hingegen wird die Schnur in Klängen freigegeben, genau wie sie auf der Rollenspule liegt. Dadurch ist die Schnurfreigabe nie so gleichmäßig als wenn sie über den Freilauf einer zigfach Kugelgelagerten Nottinghamrolle kommt. Leider hat auch dieser doch recht simple Rollentyp ein „aber“, sogar ein recht großes „ABER“, den Preis! Ich habe noch niemanden gesehen, der nicht vor Ehrfurcht erstarrte, als er vernahm, was so ein gutes Stück kosten sollte ... na ja, wie gesagt, es geht halt auch mit einer normalen Stationärrolle...

Was gibt es sonst noch zu erwähnen? Im Prinzip nichts! Das ganze Geheimnis dieser Angeltechnik liegt darin, das richtige Gefühl für die passende Kombination im Verhältnis von Grundfutter und losen Ködern zum einem und der richtigen Driftgeschwindigkeit zu den Stopps zum anderem zu bekommen. Glaubt mir, das klingt jetzt wirklich komplizierter als es am Ende ist – probiert es doch einfach einmal aus!

copyright by meisterhaft-stippfischen.de, Nachdruck oder Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit unserer schriftlichen  Genehmigung

[meisterhaft-stippfischen.de] [Kolumne] [Aktuelles] [Technik & Taktik] [Gerät] [Futter] [Gewässertips] [Bastelecke] [Fischküche] [Veranstaltungen] [Händler] [Links] [Kontakt] [Impressum]