Long Range Feedern

Das sich das Fischen mit der Feederrute auch bei uns einer immer größeren Beliebtheit erfreut, ist schon lange kein Geheimnis mehr. In dieser Entwicklung folgen wir, mal wieder... , der Angelnation England. Dort ist das feine Grundangeln extrem populär, was aber auch mit daran liegt, daß dort bei vielen Wettbewerben die Feederrute erlaubt ist. In unserem unmittelbarem Nachbarland, den Niederlanden, sieht es nicht viel anders aus. Auch dort ist bei einer ganzen Anzahl von Wettkämpfen der Gebrauch der Feeder gestattet, und sehr oft werden die Matchs dann auch durch die Feederrute entschieden. Gerade an den großen Poldern wie Ijsselmeer, Gooimeer oder Emmeer ist das Feederfischen oft unschlagbar. Wer aber nun glaubt, sich einfach mit seiner Feederrute an ein großes Wasser setzen zu können und zu fangen, der ist auf dem Holzweg. Denn gerade große Gewässer wie die Polder verlangen schon ein sehr hohes Maß an Spezialisierung von dem Angler, wenn er dort sein Netz mit Fischen füllen will.

Diese Erfahrung durfte ich selbst schon des öfteren machen, bin ich doch eher ein Anhänger der Matchruten und Stippruten. Was lag für mich also näher, als einmal ein paar „Nachhilfestunden“ bei einem As an der Heavy-Feeder zu nehmen!?! Zu diesem Zweck verabredete ich mich mit Jilles Bijsterfeld von Mondial-F zu einem Angeltag am Ijsselmeer. Jilles ist seit Jahren schon Mitglied im Mondial-F-Team und in der niederländischen Matchszene eine feste Größe. Den Beweis hierfür liefern die zahlreichen Teilnahmen am KOC-Finale in Irland und unzählige Podiumsplätze bei großen nationalen und internationalen Wettbewerben, die er nicht nur aber halt auch durch sein Können mit der Feederrute gewonnen hat.

Wir trafen uns schon früh am Morgen eines Maitages, der versprach sonnig und warm zu werden, auf einem Rastplatz unweit unserer auserwählten Angelstrecke am Ijsselmeer. Eine knappe halbe Stunde später hatten wir unsere Ausrüstung schon über den Deich zum Wasser geschleppt und es ging ans aufbauen. Mein Angelplatz war schnell hergerichtet: Plateau sicher zwischen den großen Basaltblöcken aufgestellt, Kiepe drauf, Ködertisch, Futterschüssel und Rutenständer angebracht und zu guter letzt noch die Feederrute montiert. Ich fische heute mit meiner guten alten Tri-Cast Trophy Trio 13‘, an der ich eine 50er Sigma montiere, die mit 10er Firerline bespult ist. Als Montage verwende ich heute ein Schlaufensystem mit verzwierbeltem Seitenarm. Diese Systeme habe ich schon zu Hause in einer ruhigen Minute auf Vorrat gebunden und muß eines nun lediglich noch an die gut 10 m lange Schlagschnur aus 0,25er Maxima anknoten. Mein Futter werde ich mit einem mittleren Z&K Speed-Korb von 50 g auf den 65 m vom Ufer entfernten Angelplatz befördern. Nach ein paar Testwürfen habe ich mich auf meinen Futterplatz eingeschossen und steige vom Plateau herab um dem Futter den letzten Schliff zu geben. Angefeuchtet hatte ich es schon zu hause, so daß es während der Fahrt genügend Zeit hatte, sein ganzes Aroma zur vollen Wirkung zu bringen. Im Prinzip ist es eine ganz simple Mischung für die ich mich heute entschieden habe, aber sie gefällt mir und ich habe ihr schon so manchen guten Fang zu verdanken:

2 l Kuchenmehl, süß
1 ½ l Zwiebackmehl „Volumen“
½ l Copramelasse
¼ l PV1 Collant
¼ l Hanf, gem.
¼ l Haferflocken, ungemahlen
4 EL Z&K „Brassen“

Diese Mischung feuchte ich nun lediglich noch einmal ganz leicht nach, so daß ihr recht trockener Charakter erhalten bleibt. Mit diesem trockenen Mix erreiche ich, daß sich das Futter und die in ihm gebundenen Köder wie Pinkies, Maden, Caster und Mistwürmer sehr schnell aus dem Korb lösen. Da das Wasser an unserem Angelplatz nur gut 3 m tief ist birgt ein zu nasses und zu stark abbindendes Futter lediglich die Gefahr, daß es sich bei einem schnellen Biß noch gar nicht aus dem Feeder gelöst hat und somit einen sauberen Anschlag nur behindert.

So, ich bin mit meinen Vorbereitungen fertig und könnte an und für sich mit dem Fischen beginne, aber wie ich mit meiner Futterschüssel da so am Wasser stehe und zu meinem Angelkollegen rüber schaue, denke ich bei mir, daß dies auch wohl ein guter Moment ist, um meinem Lehrer mal ein wenig auszuspionieren. Also, die Thermoskanne geschnappt und rüber zu Jilles, der anscheinend mit seinen Vorbereitungen auch fast fertig ist. Das erste, was mir bei ihm sofort ins Auge fällt, ist das von ihm verwendete Gerät – zweifellos muß er vor kurzem noch in einem Angelgeschäft gewesen sein, denn seine Ruten und Rollen sind bei weitem nicht so antiquar wie meine. Seine Ruten sind zum einem eine Colmic WR9 Heavy Feeder, mit der er heute so wie ich auf 65 m fischen will. Daneben hat er noch eine leichtere Rute aufgebaut, eine Proxy-Feeder, ebenfalls von Colmic. Mit dieser Rute, wo erzählt er mir, will er nebenher auf 25 m fischen um zu sehen, ob hier vielleicht Fisch herumschleicht. Dies könnte heute durchaus der Fall sein, da der Wind halb schräg auf unser Ufer steht und die Brassen hier am Ijsselmeer nur zu gerne dem Wind zum Ufer folgen. An beide Ruten hat Jilles moderne große Daiwas Emblem X 5000 T montiert. Im Verglich zu meinen alten Sigmas meinte er nur, daß die Technik halt nicht stehen geblieben ist und die neuste Generation der Hightec-Rollen dem Angler eine ganze Reihe von technischen Vorzügen bieten, angefangen über das bemerkenswert fein zu justierende Bremssystem hin über die Multistoprücklaufsperre bis zu der genaueren und sauberen Schnurverlegung. Gans zu schweigen von dem Schnurclip , den seine Daiwas haben und der zu Zeiten meiner Sigmas wohl noch nicht erfunden war... Bespult hat der Monial-F-Angler seine Rollen mit einer 0,06er Geflechtschnur von Gamakatsu und zwar randvoll. Dies erreicht er durch einen kleinen Trick. Die Daiwas, wie übrigens die meisten hochwertigen Rollen, werden durchweg mit zwei Spulen geliefert. Also brauchen wir auf Spule 1 nur die dünne geflochtene Schur aufzuspulen und die Spule mit einer dickeren Schnur passend aufzufüllen. Jetzt müssen wir lediglich noch diese Füllung auf Spule 2 umspulen und haben eine exakt gefüllte Rollenspule zur Hand. Zwischen seiner Hauptschnur und dem Futterkorb hat Jilles noch eine 10 m lange Schlagschnur aus Fendreel RBS von Colmic geschaltet. Dies sein notwendig, betont Jilles, weil die dünne geflochtene Schnur trotz ihrer hohen Tragkraftswerte bei diesen Gewaltwürfen an ihre physikalischen Grenzen stoßen und reißen würde. Gut 50 cm vor dem Ende der Schlagschnur bindet er eine einfache Schlaufe von ca. 20 cm Länge ein, die ihm als Seitenarm dient. In diese Schlaufe kommt ein einfacher Karabienerwirbel, der den Feeder aufnimmt und fertig ist die ganze Montage. Als ich Jilles schließlich auf sein doch sehr einfaches Rig anspreche und ihn nach dessen Vorteilen frage, meint er nur: „keep it simple“ oder anders gesagt, komplizierte Montagen können sich auf kompliziert vertüdeln und Knoten hervorbringen, die in keinem Lehrbuch stehen, sprachs und wandte sich seiner Futtertasche zu, was mich natürlich neugierig werden ließ. Was er dann allerdings ans Tageslicht beförderte, verwandelte meine Neugier auf der Stelle in Überraschung, da ich im Grunde erwartete, hier heute einen Supermix für das Feederfischen präsentiert zu bekommen. Jilles packte erst eine Tüte Mondial-F „Bio-Mix“ aus, holte dann noch eine Tüte „Nullens Brasem“ und schließlich noch eine Flasche mit Mondial-F „Splendid Appatizer“ aus der Tasche, das war’s! Meine Überraschung muß wohl sehr offensichtlich gewesen sein, denn mein „Lehrer“ sprach mich sofort darauf hin an und versicherte mir, daß er auch sonst nur mit „Ready-to-fish-Mischungen“ arbeiten würde. Meine Einwände hinsichtlich der Frische als auch der Fängigkeit von diesem „Tütenfutter“ tat er nur mit einem Lächeln und der Bemerkung ab, daß zum einem die Frische nur von dem Händler und dessen Lagergewohnheiten abhängig sei und zum anderem die Fängigkeit von Mondial-F und den Anglern die dahinter stehen ständig überwacht und garantiert wird. Und ich muß ihm zustimmen, schon als er die Tüten öffnet beginnt meine Skepsis zu verfliegen und als er schließlich mit dem mischen und anfeuchten fertig ist muß ich mich doch fragen, ob mein bisher doch sehr grundsätzliches Mißtrauen gegenüber den „Ready-to-fish-Mischungen“ in der Art und Weise gerechtfertigt war, denn das, was er mir da unter die Nase hielt, war alles andere als eine übelriechende dicke Pampe, die höchstens einem des Geruchsinns beraubten Selbstmörder an den Haken locken würde. Es war ein durch und durch homogenes Futter, von dem ich auf der Stelle überzeugt war, das es seinen Fisch fangen würde – es konnte losgehen!

Der Mondial-F-Mann hatte für die ersten zehn Würfe einen recht grobmaschigen und großen Korb mit 40 g Blei ausgewählt, mit dem er einen Grundstock an Futter und Köder zu seinem Angelplatz befördern konnte. Bei jedem Wurf, der zu diesem Zeitpunkt übrigens noch ohne ein Vorfach mit Haken und Köder erfolgte, gab er eine Extraration der von ihm gefischten Köder hinzu. So fand ein Korb nach dem anderem punktgenau sein Ziel innerhalb kürzester Zeit. Als Jilles dann mit diesem „Füttern“ fertig war, wechselte er den leichten Korb gegen einen kleineren und auch feinmaschigeren Speedkorb von 60 g aus und schlaufte sein gut 1 m langes 0,145er Vorfach aus Colmic Fendreel RBS ein. Das Hakenmuster, das er nicht nur heute verwendet und zu dem er vollstes Vertrauen hat, ist ein Nuclear N 500 in der Größe 10, ebenfalls von Colmic. Fürs erste entscheidet sich Jilles heute bei der Köderwahl für einen Cocktail aus zwei Maden und einem Caster – immer eine gute Wahl, meinte er augenzwinkernd. Während ich da so hinter ihm sitze und auf die leicht gekrümmte Spitze seiner WR 9 schaue, merke ich, wie auch mich langsam aber sicher die Faszination gefangen nimmt, die so ein großes Wasser auf den Feederangler ausüben kann: Wie viele Fische mögen da draußen liegen, und wo? Wie groß sind sie? Kann ich sie am Platz halten? Diese unbeschreiblich gigantische Wasserfläche, die sich da vor dem Angler auftut mit all ihrem Potential... es ist einfach unbeschreiblich! Mich hält nichts mehr, auch in sehe zu, daß ich meinen Köder ins Wasser bekomme, will ich doch jede Sekunde der geplanten 7 Stunden ausnutzen, habe ich doch die Worte von Jilles in den Ohren, als wir uns vor zwei Tagen verabredeten: Wir werden jeder 100 kg Brassen fangen oder nicht einen Biß sehen...

Tja, und was soll ich sagen?!? Nach 7 Stunden hatten wir es leider mit der zweiten Möglichkeit zu tun gehabt...

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