Gestippte Winterrotaugen

Endlich haben wir es mal wider geschafft! Mein Angelkollege Marinus und ich haben Zeit gefunden für einen gemeinsamen frühwinterlichen Angeltag und das Gerät steht schon fertig montiert am Ufer bereit. Doch noch wollen wir nicht mit dem Fischen beginnen, den zu schön ist das, was wir an diesem Morgen sehen dürfen: Nebelschwaden tanzen wie Geister über das spiegelglatt vor uns liegende Wasser, dessen Oberfläche nur hin und wider von einem springenden Fisch durchbrochen wird. Am gegenüberliegenden Kanalufer hinter den Bäumen, an denen noch die letzten Blätter in goldenen Farben dem Wind trotzen, geht langsam aber sicher die Sonne auf, die mit ihren Strahlen die ganze Landschaft in ein warmes Licht taucht.

Während wir bei einer Tasse Tee den Alltag vergessen und diese Ruhe in uns aufnehmen, besprechen wir die Taktik des heutigen Tages. Es soll auf Rotaugen gehen, die es hier im Dortmund-Ems-Kanal in zum Teil kapitalen Größen gibt. Wir entscheiden uns beide für die lang, unberingte Stipprute. Mit ihr können wir unsere Köder in gut 10 m Entfernung vom Ufer punktgenau hinter der Steinpackung anbieten, auch wenn aufgrund von Schleusentätigkeit einmal Strömung aufkommen sollte.

Während sich Marinus für eine Nadelspitze in seiner Kopfrute entscheidet, wähle ich doch lieber eine Holspitze mit einem feinen Gummizug. Dieses Elastik ermöglicht es mir, mit recht feinen Schnüren zu fischen, ein nicht unerheblicher Vorteil beim den vorsichtigen „Winteraugen“. Auf die 12er Hauptschnur kommt eine Pose mit 1,25 g Tragkraft. Das Blei, das ich zum austarieren meiner Pose benötige, verteil ich fürs erste über drei Punkt: Direkt über dem Vorfach kommt ein kleines N° 8 Blei zur feinen Bißerkennung. Gut 30 cm darüber zwei N° 6 Bleie und noch mal 40 cm darüber die Hauptbebleiung in Form einiger mittlerer Schrotte. Da Rotaugen im allgemeinen und ganz besonders in der kalten Jahreszeit nur sehr vorsichtig und zaghaft Nahrung aufnehmen, ist besondere Sorgfalt beim Ausbleien der Pose angebracht. Im Idealfall wird die Antenne lediglich nur noch von der Spannkraft der Wasseroberfläche getragen.

Aber nicht nur die exakte Ausbleiung der Pose ist für unseren Erfolg von großer Bedeutung, auch ein sorgfältiges Ausloten unseres Angelplatzes ist sehr wichtig. Fische ich an einer Kanalstrecke mit einer Steinpackung, lege ich meinen Futterplatz immer an der Kante der Steine zu dem ebenen Kanalboden an. An dieser Übergangszone sammelt sich das natürliche Futter und unsere Rotaugen wissen dies am besten! Ist das Kanalufer aber mit einer Spundwand befestigt, wird die ganze Angelegenheit mit dem Ausloten schon ein wenig kniffliger. Kleine Unebenheiten gibt es allerdings auch hier, und die gilt es zu finden.

Nach dem Ausloten könnten wir nun an und für sich mit dem Fischen beginnen, aber nicht ohne vorher dem Fangerfolg noch mit ein wenig Futter unter die Arme zu greifen. Unser Futter plazieren wir genau auf die zuvor ausgelotete Kante. Sollte Strömung im Kanal sein, empfiehlt es sich, das Futter noch zusätzlich zu beschweren, am besten mit feinen Aquarienkies. Ein kleiner Tip am Rande: Es ist im übrigen nie verkehrt, ein wenig Kies und getrockneten Lehm in die Angeltasche zu packen, denn so sind wir jederzeit in der Lage, auf wechselnde Strömungsverhältnisse zu reagieren.

Nun kann es endlich, nach all den ganzen Vorbereitungen, mit dem Angeln losgehen. Zu Beginn der Sitzung stelle ich für gewöhnlich meine Montage so ein, daß ich den Hakenköder gut eine Handbreit über den Grund anbiete. So treibt mein Köder verführerisch über mein sich langsam auflösendes Futter. Meistens dauert es auch nicht allzu lange, bis sich die ersten Rotaugen für unser Angebot interessieren. Um die Fische während des Angelns bei Laune zu halten, füttere ich die ganze Zeit über kontinuierlich nach, richte mich dabei aber immer an die Strömung. Steht das Wasser, so sind Maden und Caster meine erste Wahl, während ich bei Strömung lieber ab und zu mit festem Grundfutter, das mit vielen Pinkies und Maden gespickt sein sollte, nachfüttere. Allerdings ist beim Nachfüttern in der kalten Jahreszeit maßhalten absolut erstes Gebot, größer als ein Taubenei dürfen die Futterportionen auf gar keinen Fall sein, denn viel zu schnell kann es sonst passieren, daß sich die Rotaugen rundum satt dankend von unserem Futterplatz verabschieden. Sollte das Wasser stehen oder nur langsam ströme, brauche ich alles im allem für eine vierstündige Sitzung nicht mehr als 2 l Trockenfutter.

Es gibt da allerdings ein Problem, das wintertags noch verstärkt auftritt und für das wir beide leider keine brauchbare Erklärung finden können: Vergeht schon im Sommer die Zeit wie im Fluge, so vergeht sie im Winter noch um ein vielfaches schneller. Ehe wir uns versehen, beginnt die Sonne schon wieder ihren Sinkflug und unser Angeltag neigt sich dem Ende zu. Aber wir sind beide nicht unzufrieden mit dem Ergebnis. Wir haben einige "Winter-Augen" überlisten können, Marinus sogar einen recht guten Fisch von knapp 2 pf. Und so kommt es auch, daß wir, noch während wir die Sachen einpacken, uns für den nächsten winterlichen Angeltrip verabreden.

 

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